Dienstag, 17. Februar 2015

Hi.

Darf ich vorstellen? Okay, an dieser Stelle müsste mein Name folgen, aber den gebe ich nicht preis, also.. ich bin ich. Dürfte ja reichen.
Ich hatte eine tolle Kindheit. Ja, das kann man wirklich so sagen. Ich bin in einem kleinen Ort aufgewachsen, wobei aufgewachsen vielleicht das falsche Wort ist. Ich habe dort die ersten Jahre meines Lebens verbracht, ich glaube, es waren drei. Mein Bruder, der auf den Tag zwei einhalb Jahre jünger ist als ich, hat auch noch kurz dort gewohnt. An den Umzug kann ich mich nicht mehr erinnern, aber besonders weit sind wir nicht weggezogen. Ich war ein sehr glückliches und fantasievolles Kind, ich habe Hörspiele geliebt und konnte mich stundenlang mit Kuscheltieren, Puppen oder Lego beschäftigen. Mit meinem Bruder habe ich in unserem großen Garten verstecken gespielt, wir hatten immer mehrere Haustiere. Katzen, Kaninchen, Meerschweinchen, Fische und später einen Hund. Ich habe sehr früh zu sprechen angefangen und konnte bereits vor der Grundschule lesen und teilweise schreiben. Ich sollte eine Klasse überspringen, wollte das jedoch nicht. Am Ende der vierten Klasse bekam ich eine Empfehlung fürs Gymnasium, wo ich dann eingeschult wurde. Ich hatte eine beste Freundin, die älter war als ich, sie hat mir insgesamt nicht gerade gut getan, aber generell war ich mehr mit Älteren zusammen. Ich freundete mich mit ein paar Mädchen aus meiner Klasse ebenfalls an und da ich kein streitsüchtiger Mensch bin, kam ich mit dem Rest auch gut aus. Irgendwann hatte ich zwei beste Freundinnen, die sich gegenseitig nicht leiden konnte. Nun ja, eine davon habe ich immer noch. Ich wurde nie gemobbt und bin sehr froh darüber, denn so etwas stelle ich mir wahnsinnig schlimm vor. Aber auf eine gewisse Art war ich immer anders als der Rest meiner Klasse.
Durch meinen Ex habe ich früh angefangen, zu rauchen. Viel zu früh. Ich glaube, es war Anfang 13. Man kann es nicht komplett auf ihn schieben, aber er war nun Mal Raucher und so wurde ich näher damit konfrontiert. Er meinte, dass er es nicht will, dass ich damit anfange und ich wollte mir nichts sagen lassen. Ich war auch überzeugt, jederzeit aufhören zu können. Ich habs aber immer vor meinen Eltern versteckt, da hatte ich dann doch zu viel Angst.
Bei meiner ersten 5 in der Mathearbeit hab ich auf dem Weg nach Hause geweint, jedenfalls auf den letzten Metern, die ich nicht mit einer Freundin gefahren bin. Vor anderen weinen kann ich nicht, dagegen kämpfe ich automatisch an. Das ist oft sehr anstrengend und ich wünschte echt, es wäre anders.
Ich kann nicht genau sagen, was es war, aber ab dem 13. Lebensjahr begann ich, mich zu verändern. Klingt dämlich, denn klar, da steckt man voll in der Pubertät. Aber mir war einiges zu viel. Ich wandte mich von meiner damals besten, allerbesten Freundin ab. Sie hat mich wirklich sehr geprägt. Ich hatte meine ersten Beziehungen, lernte Leute kennen, die mir rückblickend nicht gut taten.
Ich habe mit 13 auch angefangen, Alkohol zu trinken. Ich weiß noch, wie aufgeregt ich war, als ich mit meinem Ex und seinen Freunden abends in der Stadt war und einer von denen meinte, wir könnten ja zu dem in den Keller gehen und saufen. Alle nannten ihn immer Harry Potter, weil er mit seiner Brille so aussah. Ich bin mit meinem Ex vorher zu ihm nach Hause, heimlich Alkohol holen. Später im Partykeller waren alle am Trinken, dort stand sogar eine kleine Bar. Dort küsste mein Ex mich das erste Mal, daraufhin waren wir dann zusammen. Erst als ich wieder draußen war, sah ich die vielen entgangenen Anrufe meiner Mutter, denn unten hatte ich keinen Empfang.
So ging das los. Es war eine schräge Zeit, wir waren fast jeden Tag draußen, hatten unsere Stammplätze und haben einfach nur abgehangen. Der Sommer war schön und komisch zugleich. Als mein Ex und ich uns trennten, war das nicht mal schlimm, wir wussten beide, dass das nichts Ernstes ist (mit 13, oh Wunder).
Mein erstes Mal hatte ich viel zu früh, es war auch ziemlich beschissen aber ich war trotzdem glücklich, denn er sagte "Nun muss ich wohl für immer bei dir bleiben.".
Er verließ mich aber, für eine sehr gute Freundin, das ganze war ein großes Hin und Her und es hat mich regelmäßig innerlich zerrissen. Mein Verhältnis zu meinen Eltern wurde dramatisch schlechter, ich habe auf nichts und niemanden mehr gehört. Wir haben uns gegenseitig fast täglich angeschrieen und beleidigt, ich hab begonnen, mich zu schneiden. Als meine Mutter es zum dritten Mal sah, brachte sie mich zur Therapie. Dort war ich, jahrelang, ohne Erfolg. Es wurde nur noch schlimmer.
In der Schule schwänzte ich mehr und mehr. Meine Noten gingen rasant in den Keller und ich schottete mich von den meisten aus meiner Klasse ab, einige meiner Freunde wechselten auf die Hauptschule.
Irgendwann zog ich aus meinem Elternhaus aus und ins Haus nebenan, was ebenfalls ihnen gehörte. Ich brauchte den Abstand. Es folgten Krisen mit meinem Freund, eine schwerer als die andere. Ich wurde depressiv und suizidal, irgendwann entwickelte ich eine Alkoholabhängigkeit. Die Leute, mit denen ich die meiste Zeit verbrachte, nahmen ausschließlich alle Drogen. Jeden Tag. Ein paar von denen waren mir egal, die saßen einfach nur zugedröhnt dabei, aber zwei, drei der Leute waren mir wichtig. Ich hatte oft furchtbare Angst um ihr Leben.
Ich hatte viele Suizidversuche geplant, sogar mal als ich recht klein war einen Abschiedsbrief verfasst, den mein kleiner Bruder gefunden hatte. Aber ein Mal wollte ich es durchziehen und dieses Gefühl, abgeschlossen zu haben, so sehr resigniert zu haben, werde ich niemals vergessen. Als der Krankenwagen kam, habe ich nichts gefühlt, als meine Familie mich im Krankenhaus besucht habe, habe ich auf heile Welt gemacht. In der Klinik brachte ich den Arzt dazu, mich nach drei Tagen zu entlassen, nur, damit alles von vorne begann. Ich weiß nicht, wie ich manche Tage überlebt habe, aber heute bin ich immer noch hier.
Ich habe eine Essstörung bekämpft und kurz bevor diese mich, zusammen mit meinen Depressionen, fast umgebracht hätte, wurde ich schwanger. Es war wie ein Wunder.
Ohne meinen Sohn hätte ich das niemals geschafft. Ich wäre nicht mehr weggekommen vom Alkohol und von den Drogen und auch vom Hungern nicht. Er hat meinem Leben einen Sinn gegeben, er ist der Grund, den ich brauchte, um mich abzuwenden von all dem Schlechten. Es ist jetzt nicht alles leicht, aber wenn es ein Problem gibt, strenge ich mich an, es zu lösen. Weil ich es für ihn lösen will.
Ich bin auf dieses kleine Bündelchen Mensch so viel mehr angewiesen als auf falsche Freunde und Drogen. Die sind ein Scheiß dagegen. Liebe ist immer noch die größte Abhängigkeit. Es ging bergauf. Ich wandte mich langsam meinen Eltern wieder zu, zog mit meinem Freund zusammen. Ich bin aufgewacht und habe mich zusammengerissen, den falschen Leuten den Rücken gekehrt und dafür die richtigen Leute kennengelernt.
Ich habe mich weiterentwickelt, habe mein Interesse an Frauen gefestigt und kann heute ganz selbstsicher von mir sagen, dass ich bisexuell bin. Ich setze mir neue Ziele und will daran arbeiten, mir Gutes statt Schlechtes zu tun.
Ich habe total dumme Macken, ich hasse es, zu telefonieren oder Fremde nach dem Weg zu fragen. Vor Gruppen, an denen ich vorbeigehen muss, habe ich oft Schiss und ich geh nicht oft gerne raus und unter Menschen. Aber wen juckts, so bin ich eben, solange ich damit klarkomme, ist das okay. Wem das nicht in den Kram passt, dem kann und will ich auch nicht helfen.
Da suche ich doch lieber lange nach den Menschen, die das akzeptieren, denn nur dann lohnt es sich.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen